Tarot kann eine Wettbewerbsanalyse nur in einer klar begrenzten Rolle unterstützen: Es hilft, Hypothesen über die eigene Positionierung zu formulieren und Fragen sichtbar zu machen, denen das Team ausweicht. Es verrät weder die interne Strategie noch Absichten oder künftige Schritte eines anderen Unternehmens. Zuerst kommen öffentlich prüfbare Fakten – Produktablauf, Preise, Bewertungen, Hilfeseiten, Versprechen und sichtbare Änderungen. Danach können die Karten mehrere Erklärungen öffnen: Was unterscheidet uns wirklich? Was macht der Wettbewerber besser? Welche Zone ist überfüllt? Welches Bedürfnis wird unterschätzt? Jede Deutung muss anschließend durch offene Daten, Gespräche oder einen kleinen Test geprüft werden.
Ich habe einmal ein Whiteboard mit Funktionsvergleichen gefüllt. Die Liste war korrekt, aber sie machte uns nur neugierig auf fremde Schaltflächen und Formulierungen. Erst die Frage „Welche Aufgabe bleibt für Nutzer trotz beider Produkte ungelöst?“ brachte Bewegung. Die Karten lieferten keine Geheimnisse. Sie änderten den Blickwinkel.
Fakten vor Karten
Eine Landingpage zeigt ein öffentliches Versprechen, nicht die interne Strategie. Bewertungen beschreiben einzelne Erfahrungen, nicht den gesamten Markt. Stellenanzeigen können eine Richtung andeuten, aber keine künftige Funktion garantieren.
| Bereich | Beobachtbarer Fakt | Offene Hypothese |
|---|---|---|
| Angebot | Überschrift, Tarife, Funktionen, Grenzen | warum dieser Schwerpunkt gewählt wurde |
| Nutzerweg | Registrierung, erster Nutzen, Reibung | was Nutzer am stärksten schätzen |
| Bewertungen | wiederholtes Lob und Kritik | wie repräsentativ die Stimmen sind |
| Kommunikation | Beispiele, Ton und Versprechen | welches Gefühl die Marke erzeugen will |
| Veränderung | Releases, Hilfe, offene Stellen | wohin sich das Unternehmen bewegt |
Erstelle dieselbe Liste für das eigene Produkt. „Wie schlagen wir den Wettbewerber?“ ist meist zu grob. „Welchen Unterschied können wir ehrlich belegen, und für wen ist er relevant?“ ist arbeitsfähig.
Fakten und Frage in Reflecta festhalten
Zehn Fragen zu Positionierung und blinden Flecken
- Welcher eigene Unterschied existiert bereits wirklich? Suche Produkt, Prozess oder Beziehung statt Werbespruch.
- Was macht der Wettbewerber tatsächlich besser? Erkenne den Vorteil an, ohne ihn kleinzureden.
- Warum entscheiden sich Kunden heute für ihn? Gleiche die Hypothese mit Bewertungen und Verhalten ab.
- Welche Marktzone ist überhitzt? Wo versprechen fast alle dasselbe?
- Welches Bedürfnis wird unterschätzt? Klarheit, Begleitung, Kontrolle, Datenschutz oder Kontinuität?
- Welchen Preis zahlen Nutzer für bestehende Lösungen? Zeit, Komplexität, Stress oder Unflexibilität?
- Wo drohen wir zu kopieren statt zu verstehen? Das sichtbare Merkmal ist nicht zwingend der Wirkmechanismus.
- Welche eigene Stärke nutzen oder erklären wir zu wenig?
- Welcher kleine, reversible Positionierungstest ist möglich?
- Welche Evidenz würde unsere Deutung verändern?
Die letzte Frage schützt vor Bestätigungsfehlern. Eine Hypothese, die nicht widerlegt werden kann, ist keine Untersuchung.
Deuten, ohne fremde Motive zu erfinden
Der Magier in der Position „Was macht der Wettbewerber besser?“ kann einen klaren Einstieg, schnelle Wertdemonstration oder gut verbundene Funktionen anzeigen. Er beweist keinen geheimen Plan.
Der Eremit als eigener Unterschied kann Tiefe, Privatsphäre und Ruhe bedeuten. Er kann ebenso für Isolation, einen langsamen Einstieg oder zu viel Aufwand vor dem ersten Nutzen stehen. Halte mindestens zwei Lesarten offen.
Vorgehen: Bild beschreiben, nur mit der Position verbinden, zwei Hypothesen formulieren, Fakten dafür und dagegen notieren, eine öffentliche Quelle oder einen Test wählen und keine privaten Absichten unterstellen.
Vollständiges Beispiel: Dienst in einem dichten Markt
Zusammengesetzter Fall: Ein kleines Team entwickelt einen digitalen Dienst zur Reflexion schwieriger Situationen. Ein größerer Anbieter liefert sehr schnell ein erstes Ergebnis, arbeitet mit starken Versprechen und vielen automatischen Hinweisen.
Bekannt ist: Der Konkurrent zeigt in weniger als einer Minute einen ersten Nutzen; Bewertungen loben den einfachen Start; manche Nutzer wissen danach nicht weiter; das kleinere Produkt verlangt mehr Kontext, speichert aber die Situation und ermöglicht eine spätere Überprüfung; unklar ist, ob die Zielgruppe diese Tiefe als Wert oder Hürde erlebt.
Karten: Eremit als eigener Unterschied, Magier als Stärke des Rivalen, Sechs der Stäbe als überhitzte Zone, Königin der Münzen als unterschätztes Bedürfnis, Sieben der Schwerter als Kopierrisiko und Bube der Münzen als Experiment.
Lesart eins: ruhige Tiefe ist der Unterschied; der Rivale zeigt Wert schneller; Sofort-Erkenntnis ist überfüllt; nach dem ersten Impuls fehlt verlässliche Begleitung. Test: eine Seite mit dem Versprechen „Ergebnis speichern und durch eine Handlung prüfen“.
Lesart zwei: Der Eremit warnt vor zu viel Einsamkeit im Einstieg. Der Magier steht für einen besser gebauten ersten Ablauf. Die Königin verlangt ein greifbares Ergebnis, der Bube einen kleineren Startschritt. Test: Einstieg verkürzen, ohne Ton und Oberfläche zu kopieren.
Beide Versionen können gleichzeitig teilweise stimmen.
Besser heißt nicht kopieren
Zerlege einen Vorteil in Ergebnis, Mechanismus, Beweis und Preis. Wenn der Rivale den Einstieg besser führt, muss seine Oberfläche nicht kopiert werden. Untersuche, was Unsicherheit reduziert: eine Frage statt fünf, ein ausgefülltes Beispiel, sichtbarer Fortschritt oder eine klare Datenschutzerklärung.
Die Karte soll zur Frage führen: „Welches Prinzip erzeugt den Vorteil?“ Sie erlaubt nicht, Design, Texte, Code oder geistiges Eigentum zu übernehmen.
Überhitzte Zone und unterschätztes Bedürfnis
Wenn alle „sofort“, „persönlich“, „intelligent“ und „mühelos“ versprechen, bleibt das Thema relevant, unterscheidet aber kaum noch. Prüfe die Häufung über öffentliche Seiten und Anzeigen.
Neben dem Preis des populären Versprechens liegt oft das unterschätzte Bedürfnis. Bei viel Geschwindigkeit fehlt möglicherweise Kontrolle; bei unbegrenzter Auswahl eine hilfreiche Grenze; bei Inspiration Kontinuität und Überprüfbarkeit.
Frage: Was geschieht nach dem ersten Ergebnis? Wo bleibt der Nutzer wieder allein? Welche Beschwerden wiederholen sich? Welche Leistung können wir tatsächlich liefern? Welcher Produktmechanismus beweist das Versprechen?
Positionierung testen und offene Daten prüfen
Ein guter Test ist reversibel, begrenzt und misst Verständnis.
| Element | Variante A | Variante B |
|---|---|---|
| Schwerpunkt | schneller erster Nutzen | Schlussfolgerung durch Handlung prüfen |
| Beleg | kurze Demo | gespeicherter Fall mit späterer Prüfung |
| Zielgruppe | braucht schnellen Start | will Kontext behalten |
| Messung | Funktion verstanden | Unterschied und nächster Schritt verstanden |
Zeige beide Varianten einer kleinen Zielgruppe. Lass sie erklären, wofür das Produkt da ist, wie es sich unterscheidet, was sie erwarten, was sie als Nächstes tun und welches Versprechen misstrauisch macht. Ergänze Preise, Hilfeseiten, Demos, Bewertungen, Releases und Stellenanzeigen.
Legung durchführen und mehrere Hypothesen in Reflecta speichern
Häufige Fehler und Grenzen
Ohne Fakten beginnen; nach geheimen Plänen fragen; jede starke Karte als eigenen Vorteil lesen; sichtbare Funktionen kopieren; eigene Liefergrenzen ignorieren; zu viele Änderungen gleichzeitig testen; öffentliche Bewertungen für die ganze Wahrheit halten; die Legung wiederholen, bis sie gefällt.
Tarot ersetzt keine Nutzerforschung, Marktanalyse, rechtliche Markenprüfung oder Finanzplanung. Es kann einen blinden Fleck benennen, die Verantwortung bleibt beim Team.
Handlung, Kriterium und Prüftermin
Notiere Hypothese, Belege, Alternative, reversiblen Test, beobachtbares Kriterium und Datum. Im Beispiel sehen fünfzehn Zielpersonen zwei Varianten. Mindestens zehn sollen den Unterschied ohne Hilfe erklären, acht den nächsten Schritt benennen. Geprüft wird nach zwei Wochen.
Ein schwaches Ergebnis verlangt eine neue Formulierung oder Hypothese, nicht eine beruhigende Zusatzkarte. Karten öffnen die Frage; Daten zeigen, ob die Antwort trägt.
Reflecta öffnen und den nächsten überprüfbaren Schritt festhalten
— Leon Maren, offizieller Runenexperte bei Reflecta
Dieses Material dient dem Lernen und der Selbstreflexion. Es verspricht keine Zukunftsvorhersage und ersetzt keine professionelle Hilfe.